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Flex Ensemble gastiert erneut im Hüttenhaus Herdorf

Think big – dieses Motto gaben die Musikerinnen des Flex-Ensembles ihrem Programm mit Werken von Mozart, Smoczynski und Beethoven. Dass nicht nur groß gedacht, sondern auch ebenso mächtig dargeboten wurde, davon konnte sich das Publikum infolge eines grandiosen Konzertabends am vergangenen Sonntag, 07.11.2021 im Städtchen selbst überzeugen.

Herdorf. Mit zahlreichen renommierten Auszeichnungen, wie den 1. Plätzen beim Internationalen Schumann Kammermusikpreis Frankfurt und dem Gianni Bergamo Classic Music Award Lugano, wurde das Quartett bereits gewürdigt. Ebenso eindrucksvoll lesen sich auch die bisherigen Stationen, die die Künstlergruppe etwa ins Performing Arts Center in Peking oder den Concertgebouw in Amsterdam führten.Trotz der beträchtlichen Dimension dieser Spielstätten, konnten die Kulturfreunde Herdorf die Musiker*innen dennoch für einen Auftritt in den etwas überschaubareren – aber mitnichten weniger würdigen – Hallen des Hüttenhauses gewinnen. Das Flex-Ensemble – das sind Kana Sugimura (Violine), Anna Szulc (Viola), Martha Bijlsma (Violoncello) und Johannes Nies (Piano).

Während seine Mitmusikerinnen aus Japan, Polen und Holland stammen, konnte der Herdorfer Nies ein Heimspiel abliefern. Der Pianist führte überdies mit rheinischem Charme und einer Prise sympathischer Demut, gekonnt durch das Programm und stattete das Publikum mit allerlei Informationen zu den vorgetragenen Stücken aus. Obwohl die vergangenen Wochen für die Truppe nach einem hohen Arbeitspensum sehr anstrengend gewesen seien, sei man dennoch froh, dass solche Konzerte überhaupt wieder möglich seien. Die wiedererlangte Freiheit war dem Quartett in Form einer immensen Spielfreude in jeder Phase des Abends anzumerken.

Eröffnet wurde der Konzertabend mit Mozarts anspruchsvollem Klavierquartett in g-Moll, welches bei den Zeitgenossen des Musikgenies, ob seiner Neuartigkeit und Komplexität, auf Verwunderung, Überforderung und tendenzielle Ablehnung stieß. Völlig anders fielen die jedoch die Reaktionen der Zuhörer*innen im Herdorfer Hüttenhaus aus. Das abwechslungsreiche Hörvergnügen offenbarte gleich zu Beginn des Konzertes die musikalische Raffinesse und gegenseitige Vertrautheit des Ensembles. Ob während der trotzigen Intensität des ersten Satzes – dessen Pathos unweigerlich an Beethoven erinnerte – oder des pointierten lyrischen Intermezzos des Andantes, jederzeit vermochten es die Interpreten die tatsächliche Intention Mozarts offenzulegen: ein echter Dialog zwischen Streichern und Fortepiano.

Nach einem verdienten Applaus des Publikums, moderierte Nies ein Stück des polnischen Jazzgeigers Mateusz Smoczynski (1984*) an, welches der Komponist im Jahre 2019 eigens für das Flex-Ensemble arrangierte. Der Sprung von Mozart zur zeitgenössischen Melange aus volkstümlichen Liedern aus Kurpien und düster bis jazzigen Tönen, gelang dem Quartett spielerisch. Eine Konnotation zur Filmmusik konnte sich die facettenreiche Komposition nicht verwehren. Anwesende Cineasten unter der Zuhörerschaft benötigten jedenfalls keine allzu große Fantasie, um etwa hitchcockeske Momente ausfindig zu machen. So hatten die schrillen Geigentöne durchaus Ähnlichkeit zu Bernard Herrmanns epochalem Soundtrack zur legendären Duschvorhangszene in* Psycho*.

Mit Blick auf das Programm des Abends wurde deutlich, dass der Konzertabschluss sogleich den Höhepunkt markieren sollte. Nichts geringeres als Beethovens Sinfonie Nr. 3 in Es-Dur („Eroica“) hatten die Musiker*innen auserkoren. Wie gewohnt moderierte der Pianist das Stück an, bevor es losging. Nun sei es an der Zeit für die „Hauptspeise“, sagte Nies nach der Pause. Da es sich bei Beethovens Dritter ursprünglich um ein Orchesterstück handelt, nahm sich das Ensemble ein dementsprechend abmontiertes Unterfangen vor. Kaum verwunderlich, dass Nies etwas ehrfurchtsvoll „Wir geben unser Bestes“ verlauten ließ, um gleich darauf aber etwas humoristisch „Jetzt müssen wir nochmal tief durchatmen“ hinzufügte. „In den nächsten 45 Minuten geht es hoch her“, kommentierte er abschließend, bevor das Quartett diesen Worten Taten folgen ließ. Obwohl in Relation zur Ursprungsfassung mit vier Instrumenten geradezu spartanisch ausgestattet, mutete die Darbietung dennoch gewaltig an. Das lag natürlich auch an der meisterhaften Arbeit von Ferdinand Ries, der das ursprüngliche Orchesterstück als Klavierquartett arrangierte, aber auch und vor allem an der intensiven Interpretation des Flex-Ensembles. Die Musiker*innen leisteten Höchstarbeit und vermochten es so, das Hüttenhaus mit orchestralen Tönen auszustatten, sodass es durchaus möglich war, herauszuhören, an welcher Stelle in der Orchesterfassung die Pauken zum Einsatz gekommen wären. Zielsicher pointiert und ganz und gar im Fluss des Stückes kam die vollständige Bandbreite an Stimmungen der Sinfonie zum Tragen. Daher war es nicht verwunderlich, dass diese grandiose Leistung der Musiker*innen mit geradezu reflexartigen Bravorufen und tönendem Applaus des Publikums honoriert wurde.

Ohne Zugabe ließ man die Gruppe logischerweise nicht von der Bühne, die als Schlussakt noch einen experimentellen Nachschlag mitgebracht hatte. Anknüpfend an Beethovens Dritte, komponierte Gordon Williamson eine moderne Weiterführung des Themas als Zugabe für das Ensemble. Die moderne Interpretation wurde sofort ersichtlich, als Johannes Nies sich während des Spiels von seinem Platz erhob und der Korpus des Klaviers unter anderem als Schlagwerk fungierte. Infolgedessen verpasste er dem einzigartigen Steinway-Flügel den ein oder anderen Klapps. Ebenso griff er in die Saiten des Instruments, während er die Klaviatur einhändig bediente. Auch Sugimura, Szulc und Bijlsma bedienten sich eines breiten Spektrums moderner Spieltechniken und erzeugten ein ganzes Potpourri an Klangerfahrungen. Das Zusammenspiel der Musiker*innen harmonierte dabei ganz hervorragend miteinander und war ein gelungener Abschluss für einen würdigen Konzertabend.

Verfasst am: 12.11.2021